
Wer in Norddeutschland spazieren geht oder durch Felder und Wälder streift, stößt gelegentlich auf große, fremdartig wirkende Steine: massive Granitblöcke, glatt geschliffene Gneise oder kantige
Porphyre, die scheinbar nicht in ihre Umgebung passen. Diese sogenannten Geschiebesteine – oft auch Findlinge genannt – sind eindrucksvolle Relikte der Eiszeiten. Sie erzählen eine Geschichte von
gewaltigen Gletschern, kilometerdicken Eismassen und einer Landschaft, die sich über Jahrtausende grundlegend wandelte. In Deutschland gehören Geschiebesteine zu den sichtbarsten und
faszinierendsten Spuren der letzten Kaltzeiten.
Was sind Geschiebesteine?
Geschiebesteine sind Gesteinsblöcke, die während der Eiszeiten von Gletschern über große Entfernungen
transportiert wurden. Sie stammen meist aus Skandinavien oder dem Ostseeraum und wurden vom skandinavischen Inlandeis nach Norddeutschland verfrachtet. Anders als Flussgeröll sind Geschiebesteine
oft kantig oder nur teilweise gerundet, da sie nicht durch rollendes Wasser, sondern durch das langsame Gleiten des Eises bewegt wurden. Viele tragen typische Schleifspuren, Rillen oder polierte
Oberflächen, die durch den enormen Druck des Gletschers entstanden sind.
Herkunft und „Reise“ der Steine
Die meisten Geschiebesteine in Deutschland bestehen aus Granit, Gneis, Diorit oder Porphyr – Gesteinsarten, die im Norden Deutschlands geologisch nicht vorkommen. Ihre mineralogische
Zusammensetzung erlaubt es Geologen, ihre Herkunft oft erstaunlich genau zu bestimmen, etwa aus Südschweden, Finnland oder den Åland-Inseln. Einige dieser Steine haben eine Reise von mehreren
hundert Kilometern hinter sich. Eingefroren im Eis wurden sie mitgeführt, beim Vorrücken der Gletscher weitergeschoben und schließlich beim Abschmelzen des Eises abgelagert – manchmal einzeln,
manchmal in ganzen Feldern aus Geschieben.
Wo findet man Geschiebesteine in Deutschland?
Geschiebesteine kommen vor allem in Nord- und Ostdeutschland vor, also in Regionen, die während der Eiszeiten vom skandinavischen Inlandeis bedeckt waren. Besonders reich sind
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Teile von Sachsen-Anhalt. Auch im norddeutschen Tiefland sind sie häufig auf Feldern zu finden, wo sie durch Pflügen
immer wieder an die Oberfläche gelangen. Im Alpenvorland Bayerns existieren ebenfalls Geschiebesteine, dort allerdings überwiegend aus alpinem Material, das von lokalen Gletschern transportiert
wurde. Viele große Findlinge wurden im Laufe der Zeit an markante Orte versetzt und als Naturdenkmäler aufgestellt.
Große Findlinge und ihre Bedeutung
Einige Geschiebesteine haben beeindruckende Ausmaße und sind weithin bekannt. Der Markgrafenstein in Brandenburg oder der Buskam auf Rügen zählen zu den größten Findlingen Deutschlands. Solche
Steine wiegen oft mehrere hundert Tonnen und sind bis zu mehrere Meter hoch. Sie wurden früher als Baumaterial genutzt, dienten als Grenzmarken oder wurden mit Sagen und Legenden verknüpft. In
vielen Regionen galten sie als „Teufelssteine“ oder „Riesensteine“ – Relikte einer Zeit, in der ihre Herkunft rätselhaft war und mythisch erklärt wurde.
Geschiebesteine als Forschungsobjekte
Für die Geowissenschaften sind Geschiebesteine weit mehr als landschaftliche Besonderheiten. Sie liefern wichtige Hinweise auf die Ausdehnung der Gletscher, ihre Fließrichtungen und die Dynamik
der Eiszeiten. Anhand der Verteilung bestimmter Gesteinstypen lassen sich ehemalige Eisrandlagen rekonstruieren. Besonders sogenannte Leitgeschiebe – charakteristische Gesteine mit eindeutigem
Herkunftsgebiet – spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie fungieren gewissermaßen als geologische Wegweiser und helfen, die „Bewegungsgeschichte“ des Eises nachzuvollziehen.
Geschiebesteine heute – Schutz und Wahrnehmung
Heute stehen viele große Geschiebesteine unter Naturschutz und gelten als geologische Naturdenkmäler. Dennoch verschwanden im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Findlinge, da sie für den
Straßen- und Hausbau gesprengt oder zerkleinert wurden. Erst mit wachsendem geowissenschaftlichem Verständnis erkannte man ihren Wert als Zeugnisse der Erdgeschichte. Heute sind sie beliebte
Lernorte für Schulen, Wanderziele für Naturinteressierte und wichtige Elemente der regionalen Identität.